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Anämie

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Anämie

Blutarmut; die pathologische Verminderung des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin, Hb) oder des Anteils der roten Blutkörperchen (Hämatokrit) im Vollblut unter den Normalwert. In der Folge tritt ein Sauerstoffmangel mit den entsprechenden Symptomen ein.

Einteilung nach
Anämien
  • Blutungs-Anämie: akut, chronisch, innen, außen (starke Menses, Operation)
  • Mangel-Anämie: Eisenmangel (Schwangerschaft), Perniziöse Anämie (Vitamin B12), Folsäureanämie, Eiweißmangelanämie (mangelnde Zufuhr, Resorptionsstörungen, erhöhter Bedarf)
  • Hämolytische-Anämie (vorzeitiger, gesteigerter Abbau):Erythrozytendefekte (Kugelzell-/ Sichelzellanämie), Perniziöse Anämie, durch Infektionskrankheiten (Malaria), Medikamente
  • Aplastische-Anämie (bei Knochenmarksschädigungen):  Strahlentherapie, Medikamente, Infektionen, bösartige Erkrankungen
  • renale Anämie (verminderte Stimulation von Erythropoetin): Niereninsuffizienz (Mangel an Erythropoetin)
  • hereditäre Anämie (genetisch bedingt): Kugelzell-/ Sichelzellanämie, Thalassämie
  • symptomatische Anämie: Krebs (Knochenmark), Tbc, Bleivergiftung, Medikamente, chronische Infekte, regelmäßige Blutwäsche
Einteilung nach
Form der
Erythrozyten
  • Normozytäre Anämie (MCD = mittlerer corpuskulärer Durchmesser, Normalwert 6,5–8 μm ): Erythrozyten normal groß ; Vorkommen: Aplastische Anämie bei Knochenmarksinsuffizienz, hämolytische Anämie, akute Blutung
  • Mikrozytäre Anämie (MCD < 6,5 μm): abnorm kleine Erythrozyten; Vorkommen: Eisenmangel- und Kugelzellenanämie
  • Makrozytäre Anämie (MCD > 8 μm): junge, große früh entkernte Erythrozyten, Vorkommen: B12-/Folsäuremangel-Anämie
Einteilung nach dem Hämoglobingehalt Färbekoeffizienz (HbE, MCH) 1,7-2,0 fmol, gibt den Hämoglobingehalt der Erythrozyten an

  • Hypochrome Anämie (MCH > 27 und MCV ↓: Mangel an Hämoglobin (Farbstoff des einzelnen Erythrozyten vermindert)
  • bei: Eisenmangel, Infekt-/Tumoranämie, Thalassämie (sehr selten), Vitamin B 6-Mangelanämie
  • Hyperchrome Anämie (MCH und MCV ↑): Mangel an Erythrozyten (Hämoglobingehalt des einzelnen Erythrozyten erhöht)
  • bei: megaloblastäre (perniziöse) Anämie
  • Normochrome Anämie (MCH und MCV normal, Hb, Hkt und Erythrozytenzahl ↓): gleichmäßiger Mangel an Erythrozyten und Hämoglobin (Farbstoff normal)
  • bei: akuter Blutungsanämie (Kreislauf-/Schockzeichen), hämolytische Anämie, aplastische Anämie, Infekt-/Tumoranämie, Kontrastmittel-Insuffizienz
Einteilung nach
Ursachen
Bildungsstörung der Erythrozyten (ineffektive Erythropoese):

  • Mangel an Nährstoffen/Hormonen:
    • Eisenmangel, Vitamin-B12-Mangel, Folsäuremangel
    • Erythropoetinmangel: Nierenerkrankung
    • hormonelle Erkrankungen: Unterfunktion von Hypophyse, Schilddrüse, Gonaden, Nebenniere
    • Proteinmangel
  • Suppression oder Aplasie (= Anlage ohne regelgerechte Entwicklung) der Erythropoese:
    • toxisch: Zytostatika, Alkohol
    • Bestrahlung größerer Skelettabschnitte, aplastische Anämie
    • chronische Infektionen: z.B. Endokarditis, Osteomyelitis, Abszesse, Tbc, HIV
    • chronisch-entzündliche Erkrankungen: z.B. rheumatoide Arthritis, SLE, Polymyalgia rheumatica, Vaskulitiden, M. Crohn
    • Lebererkrankungen, Tumoren
  • Formen: aplastische Anämie, Eisenmangelanämie, megaloblastäre Anämie, renale Anämie, Tumoranämie

Gesteigerter Erythrozytenabbau:

  • durch Defekt der Erythrozyten: Kugelzellenanämie, Sichelzellenanämie, Thalassämie
  • durch Hämolyse: pathologische Zerstörung der Erythrozyten
  • Defekt außerhalb der Erythrozyten: z.B. Antikörper
  • Infektionskrankheiten: Malaria, Clostridien
  • Stoffwechselstörungen, künstliche Herzklappen, Vergiftungen

Erythrozytenverlust:

  • akute und chronische Blutungen (dann kompensatorischer Anstieg der Retikulozyten)
  • starke Menstruationsblutung, Magengeschwür, chronische Gastritis, Colitis ulzerosa, Hämorrhoiden, Magen-Darmtumoren, Nieren-/Blasenkarzinom, Glomerulonephritis
Symptome Allgemeinsymptome: rasche Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit
Akute Symptome: (durch Blutungen)
dermal: Blässe, kalter Schweiß
pulmonal: Atemnot, Hyperventilation, Belastungsdyspnoe
kardial: Herzklopfen, Ohrensausen, Tachykardie bis Schock
Unruhe, Durst, Übelkeit, Ohnmacht
Chronische Symptome: (durch Sickerblutung, Mangel an Vitamin B 12, Folsäure, Intrinsic-Faktor, hämolytisch, aplastisch, renal, symptomatisch)
dermal: Blässe, Kälteempfindlichkeit
kardial: Tachykardie, Neigung zu Schwindel
pulmonal: Atemnot bei Belastung
Diagnose
  • Anamnese: einseitige Ernährung, Menstruationsblutung, Vorerkrankungen (Infekte, Malignom), Verfärbung von Stuhl/Urin, Medikamente (ASS), Herz (Klappenersatz, Endokarditis), rasche Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsmangel, Schlaflosigkeit
  • Körperliche Untersuchung:
    • Inspektion: Konjunktiven, Schleimhäute, Haut (Blässe, kalter Schweiß),
    • Palpation/Auskultation: Leber, Milz, Untersuchung/Auskultation von Herz (Herzklopfen, Tachykardie) und Lunge (Belastungsdyspnoe, Hyperventilation)
  • Labor: Blutbild (Hb > 13,5 g/dl Männer, > 12,0 g/dl Frauen, Hkt > 405 Männer, > 37% Frauen, Erythrozyten > 4,3 Mio./µl Männer, > 3,9 Mio./µl Frauen), Differentialblutbild (Leukozytose, Thrombozytose), Retikulozyten, CRP, Serum-Eisen, Ferritin, Transferrin, MCV, MCH, Vitamin B12, Folsäure, Kreatinin, Bilirubin, LDH, Test auf okkultes Blut im Stuhl, Urinstatus
  • Apparative Diagnostik: je nach Verdachtsdiagnose (Gastros-/Koloskopie, gynäkologisches Konzil), Knochenmarkspunktion
Komplikationen Schock, Kreislaufstillstand, Sauerstoffmangel

Therapie
  • Allgemeinmaßnahmen: Blutstillung, Notfallmaßnahmen
  • Medikamentöse Therapie: Volumenersatz, Kreislaufstabilisierung, Bluttransfusion, fehlende Substanzen ersetzen
Sonderform:
Kugelzellanämie
Angeborene Formveränderung der Erythrozyten.

  • Pathogenese: autosomal- dominanter Erbgang: Erythrozyten sind klein und kugelförmig, vererbt, können sich nicht mehr durch Formänderung in die Kapillare pressen, werden vermehrt in der Milz abgebaut (z. B. erbliche hämolytische Anämie)
  • Symptome:  Hämolyse- Symptome, Skelettanomalien, Infantilismus, Ulcera cruris, Splenomegalie, mäßiger Ikterus, evtl. abdominelle Schmerzen, Fieber
  • Diagnose: Kugelzellen im Blut, MCH normal, Thrombozyten ↓, Blutungszeit ↑
  • Therapie:  Splenektomie
Sonderform:
Sichelzellanämie
Vererbte Strukturanomalie des Hämoglobins.

  • Vorkommen: bei schwarzen Menschen (Afrika) und im Mittelmeerraum
  • Pathogenese: autosomal-rezessiver Erbgang (dominant vererbt), Erythrozyten in Sichelform, verlieren an Elastizität und verstopfen so die kleinen Gefäße, Erythrozyten gehen frühzeitig zu Grunde, kann im Kindesalter schon zum Tod führen
  • Symptome: erhöhte Thromboseneigung, Organinfarkte (Milz, Haut, Gehirn, Nieren), Kopfschmerzen, Depressionen, erhöhte Infektanfälligkeit, Hypoxie, Skeletterkrankungen
  • Diagnose: Sichelzellenform der Erythrozyten, Blutungszeit ↑, Thrombozyten ↓
  • Therapie Infektionsprophylaxe, Erythrozytenkonzentrate, Knochenmarkstransplantation
Sonderform:
Thalassämie
Angeborene Störung der Hämoglobinbildung, v.a. im Mittelmeerraum.

  • Pathogenese: autosomal-dominanter Erbgang, mikrozytär-hypochrom, die Erythrozyten haben eine verkürzte Lebensdauer
  • Symptome: Hämolyse-Symptome, Kardiomyopathie, Hepatosplenomegalie, Skelettveränderungen /Frakturen, Deformationen), chronische Hypoxie, Wachstumsstörung, trophische Hautschäden (Ulcus cruris)
  • Diagnose: MCH ↓, MCV normal, Thrombozyten↓, Blutungszeit ↑, Quick↓, Targetzellen
  • Therapie: Knochenmarkstransplantation, Erythrozytenkonzentrate

 

Merke
Gemeinsame Symptome der Anämien:

  • Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Schwindel, Schwäche, Blässe, Belastungsdyspnoe
  • auskultatorisch: Tachykardie, Herzgeräusche, Strömungsgeräusche in den Gefäßen
  • die BSG zeigt mit Ausnahme der Sichelzellenanämie eine starke Erhöhung

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