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Diabetes mellitus

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Diabetes mellitus

 „Zuckerkrankheit, Zuckerharnruhr“: chronische Störung des Glucosestoffwechsels mit erhöhtem Blutzuckerspiegel, hervorgerufen durch Insulinmangel oder verminderter Insulinwirkung an den Zellen (Insulinresistenz): da die Glucose aus dem Blut nicht aufgenommen werden kann, entsteht ein intrazellulärer Glucosemangel (trotz erhöhten Blutzuckerspiegels) mit Ausscheidung von Zucker über den Harn.

Leitmerkmale:
Typ I: Polyurie, Polydipsie, Gewichtsverlust, Leistungsminderung
Typ II: unspezifische Symptome
Einteilung Typ I Diabetes (10%): über 180 mg/dl

  • juveniler (jugendlicher) Diabetes: unter 40 Lebensjahre
  • insulinabhängiger  Diabetes: absoluter Insulinmangel durch immunologische Zerstörung der B-Zellen im Pankreas (keine Produktion)
  • Erstmanifestation: oft ausgelöst nach Infektionen (Viren), Stress
  • Ursache: immunologisch (Autoimmuninsulitis: 95% besitzen Antikörper gegen die B-Zellen des Pankreas oder gegen Insulin), genetische Faktoren
  • Erscheinungsbild: häufig schlank, trotz reichlicher Nahrungsaufnahme
  • Entwicklung: rasch

Typ II Diabetes (90%):

  • „Altersdiabetes“, oft aber auch schon junge, übergewichtige Personen betroffen (auch Kinder)
  • insulinunabhängiger Diabetes: relativer Insulinmangel;die Insulinproduktion ist noch vorhanden, Fehlfunktion der B-Zellen
  • Ursache: gestörte Insulinsekretion, herabgesetzte Insulinwirkung, genetische Faktoren
  • Manifestation: häufig über Überernährung, Bewegungsmangel, Adipositas
  • Erscheinungsbild: meist übergewichtig
  • Entwicklung: langsam

Sekundärer Diabetes:

  • hervorgerufen durch andere Grunderkrankungen: chronische Pankreatitis, M. Cushing, Hyperthyreose, Akromegalie, Niereninsuffizienz, Hypophysenadenome, Phäochromozytom , Infektionen (Röteln), Down-/Turner-Syndrom
  • Medikamente: Benzothiadiazine, Betablocker, Glucokortikoide, Ovulationshemmer, Nikotinsäurederivat, Diuretika

Schwangerschaftsdiabetes:

  • verschwindet meist mit Beendigung der Schwangerschaft
  • erhöhtes Risiko für spätere Manifestation einer Diabetes mellitus
Pathogenese Durch die Nahrung aufgenommene Kohlenhydrate werden im Darm zu Zucker aufgespalten und gelangen über die Darmschleimhaut (Resorption) in den Körper. Durch das Blut wird die Glucose an alle Zellen weitergereicht, wo es mithilfe von Insulin aufgenommen und zur Energiegewinnung gebraucht wird. Fehlt Insulin (aus der Bauchspeicheldrüse) kann die Glucose nicht mehr in den Zellen aufgenommen werden und bleibt im Blut (Hyperglykämie).

Ursachen
  • Insulinmangel (Vererbung, Umweltfaktoren)
  • Gegenregulationsdiabetes (Glukagon, Kortison, Adrenalin erhöht im Blut)
  • Insulinantikörper
  • verminderte Ansprechbarkeit der Zellen (Störung der Insulin- Rezeptoren)
  • Medikamente: Benzothiadiazine, Betablocker, Glucokortikoide, Ovulationshemmer, Nikotinsäurederivate
Symptome In 30-50 % keine oder nur unbedeutende Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Leistungsminderung, zu Beginn häufig Infektanfälligkeit

  • Hyperglykämie (durch Glukosurie bedingt): Polyurie (Exsikkose), Durst, Polydipsie (vermehrtes Trinken) Gewichtsverlust
  • passagere Hypoglykämien führen zu: Heißhunger, Schwitzen, Kopfschmerzen
  • Allgemeinsymptome: Sehstörungen, Schwindel, schwaches Immunsystem, Potenzstörungen, Amenorrhoe, Müdigkeit, Leistungsminderung, Antriebslosigkeit
  • dermal: trocken, schlechte Heilungstendenz, Pruritus, Furunkeln, Pilzinfektionen, nächtliche Wadenkrämpfe
  • enteral: Erbrechen
  • später: Polyneuropathie, Bluthochdruck, rezidivierende Harnwegs-/ Hautinfektionen (Genitalbereich)
Psychosomatik Auslösende Situationen:
  • Stress
  • Wut, Angst, Schmerzen
Menschentyp:
  • Jugendlicher Diabetes:
    • ängstlich, feindselig, Geschwisterproblematik
    • Probleme mit Selbstbewusstsein, Trennungsprozessen, sexueller Identifizierung, Aggressionsverhalten, Körper-Ich
    • Depression, Aggressionen gegenüber Autoritätspersonen
  • Altersdiabetes:
    • zwanghaft/süchtig auf Essen fixiert
    • Essen als Kompensation von Liebe/Fürsorge
    • ängstlich
    • Unterdrückung von Schuld, Angstgefühlen, Feindseligkeiten
    • Angst vor totaler Abhängigkeit
Auswirkungen:
  • Kleinkinder: Schulprobleme, Eifersucht von den Geschwistern
  • Heranwachsende: Unfähigkeit gegenüber Autorität, Sorge um Berufs-/Partnerwahl, Vererbung, Folgeerscheinungen
  • Alter: weiterer Abbau von geistigen/körperlichen Fähigkeiten
  • allgemein: soziale Anpassungsschwierigkeiten, Misstrauen, diffuse Ängste, Ich-Schwäche
Diagnose Anamnese: Klinik, familiäre Belastung, Schwangerschaftsdiabetes, übermäßiger Durst, Polyurie, Schwäche, Müdigkeit, Infektanfälligkeit, Leistungsknick, Potenzstörungen, Störungen der Monatsblutung
Körperliche Untersuchung:
  • Inspektion: Zeichen von Minderdurchblutung, neurologischen Erscheinungen, Haut (trocken, Furunkel, Schweißdrüsenabszesse)
  • Auskultation: Blutdruck, Herz, A. carotis, A. femoralis
  • Palpation: Leber, Fußpulse
  • Neurologischer Status: Reflexabschwächung, grobe Sensibilitätsstörung (untere Extremitäten), Vibrationsverhalten

Labor: Blutzucker-Tagesprofil (Blutzucker nüchtern, kurz vor und 1 Std. nach jeder Mahlzeit), Blutzuckerwerte erhöht (über 110 mg/dl nüchtern), oraler Glucosetoleranztest, Ketonkörper, HDL, Triglyzeride, Harnsäure, Gamma-GT, Kreatinin, Glucose/Albumin im Urin (ab 180mg/dl Zucker im Blut), C-Peptid (Maß für Insulineigenproduktion)

Blutzucker
Normal 70-100 mg/dl
Grenzwertig 110-160 mg/dl
Pathologisch > 160 mg/dl
Kontrollparameter:
Glykohämoglobine HbA1 (unter 8 %)
HbA 1c (Blutzuckerwert der letzten 3 Monate: normal < 6,5%)
Oraler Glucosetoleranztest (oGGT)
Apparative Diagnostik: EKG, Oberbauchsonographie, augenärztliche Konzil, neurologische Untersuchungen (Nervenleitgeschwindigkeit), Dopplersonographie

Oraler
Glucosetoleranztest
(oGGT)
Bewertung Normal Krankhaft Diabetes
Nüchtern < 100 mg/dl 100- 120 mg/dl >120 mg/dl
2- Std.- Wert < 140 mg/dl 140- 200 mg/dl >200 mg/dl
Über 3 Tage vorher keine kohlenhydratreiche Kost, dann 10 Stunden Nahrungskarenz: Nüchternzucker bestimmen, 75 g Glukose, in 250-300 ml Wasser gelöst, trinken lassen, nach 2 Stunden erneute Blutzuckerbestimmung .

Differentialdiagnose
  • enteral: Patienten nach Magenresektion, akute Hepatitis
  • psychisch: akute Stresssituationen
Spätkomplikationen Makroangiopathien:
Vorgänge, die in den großen arteriellen Gefäßen zur Arteriosklerose führen:

  • ZNS: arterielle Verschlusskrankheit  der Hirngefäße mit ischämischen Hirninfarkt (Apoplex), Zerebralsklerose
  • Herz/Gefäße: koronare Herzerkrankung, periphere arterielle Verschlusskrankheit, arterielle Hypertonie 
  • Augen: Grauer/Grüner Star
80 % der Diabetiker sterben an Herzinfarkt

Mikroangiopathien:
Schäden, die sich im Kapillarsystem abspielen (Verdickung der kapillären Basalmembran mit Durchblutungsstörungen):
 
  • Retinopathie: Netzhautschäden durch Gefäßneubildungen, Einblutungen, Netzhautablösungen, kann bis zur Erblindung führen (=> Laserkoagulation)
  • Nephropathie: Nierenfunktionsstörung (Pyelonephritis) bis zur Niereninsuffizienz (Dialysepflicht), renale Hypertonie (schlechte Nierendurchblutung führt zur Steigerung des Blutdrucks durch Renin-Ausschüttung) => ACE-Hemmer, AT1- Rezeptoren-Blocker 
  • (Poly-)Neuropathie: evtl. verursacht durch eine Schädigung der kleinen Blutgefäße, die die Nerven versorgen => Antikonvulsiva, Antidepressiva
    • Herz-/Kreislaufsystem:stummer (schmerzloser) Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen (Ruhetachykardie), Hypotonie, Lungenödem, Atemnot 
    • Magen-Darm-Trakt: Dysphagie, Völlegefühl, Druck im Oberbauch, vermehrte Magensäuresekretion, Diarrhö/ Obstipation im Wechsel
    • Urogenitaltrakt: Blasenentleerungsstörungen (Infektionen), Impotenz, erhöhte Infektanfälligkeit
    • Beine: abgeschwächte Eigenreflexe, Parästhesien, Muskelschwäche (v.a. Oberschenkel-/Beckenmuskulatur), Polyneuropathie (Frühsyndrom: vermindertes Vibrationsempfinden), Wadenkrämpfe (v.a. nachts), Nekrose an Zehen/Fersen, brennende Füße  
    • Pupillen: gestörte Pupillenreflexe,  verlangsamte Mydriasis
    • Haut: Druckstellen,  Hyperkeratosen, Schweißsekretionsstörungen
  • Diabetisches Fußsyndrom: Verletzungen am Fuß (z. B. schmerzlose Druckulcera) infizieren sich, heilen nicht ab, infiziertes Ulkus, diabetische Gangrän, Amputation von Zehen oder Extremität
Weitere Komplikationen:
  • Resistenzminderung
  • häufig bakterielle Haut- und Harnwegsinfekte, Nekrosen
  • Hypertriglyzeridämie mit Fettleber
  • Coma diabeticum, hypoglykämischer Schock
Therapie
  • Allgemeinmaßnahmen: Patientenschulung/-kontrollen, Vermeiden von Stress, Verzicht auf Rauchen, Alkoholkarenz, regelmäßiger Sport (Wandern, Radfahren, Schwimmen), ausreichend Schlaf, regelmäßig Blutzuckerkontrollen, Körper-/Fußpflege, Vermeiden von Verletzungen
  • Naturheilkundliche Therapie: Aderlass, Akupunktur, Ohrakupunktur, Bachblüten, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie (Fuchskreuzkraut, Gartenbohne, Bohnenschale, Quecke, Heidelbeere, Löwenzahn, bei Gefäßschäden: Ginkgo, Rosskastanie) Sauerstofftherapie, Schüssler Salze

  • Typ I (Nüchtern-BZ: 100mg/dl): Insulin, Nierenfunktion/Augen überwachen (Augenarzt), Abstimmung der Nahrungsaufnahme und Insulindosis
  • Typ II (Nüchtern-BZ 140 mg/dl):
    • Allgemeinmaßnahmen: Gewichtsreduktion
    • Ernährungstherapie: Diät: ausgewogene ballaststoffreiche Vollwertkost, optimale Nahrungszusammensetzung reichlich Eiweiß, fettarm)
    • später wird der Patient sekundär insulinpflichtig
  • Diabetes- Diät:   
    • ausgewogene Vollwertkost, Zink, B-Vitamine
    • Kohlenhydratzufuhr über den Tag verteilen
    • bei Übergewicht auf Energie-/Kalorienhaushalt beachten
  • Allgemeine Grundregeln:
    • statt Zucker Zuckerersatzstoffe (Fruktose, Xylit) oder Süßstoffe (Saccharin, Cyclamat) bevorzugen
    • Polysaccaride bevorzugen: Kartoffeln, Vollkornprodukte, Reis
    • optimale Nahrungszusammensetzung: 55 % Kohlenhydrate (davon wenig schnell verdaute: Zucker, Weißmehlprodukte), 30 % Fett, 15 % Eiweiß (1 BE = 12 g Kohlenhydrate)
    • nur wenig Fleisch, Wurst, Käse
    • 6-7 kleine Mahlzeiten täglich
  • Orale Medikamente:
    • wenn die Bauchspeicheldrüse noch Insulin produziert (Typ I-Diabetes): Biguanide, Glitazone, Glinide, Sulfonylharnstoffe (Euglucon®): regen den Pankreas zur Insulinsekretion an, blutdrucksenkend, negativ: Magen-Darm-Beschwerden, Hautreaktionen)
  • Insulintherapie:
    • wenn der Pankreas kein Insulin mehr produziert (Typ I-Diabetes, fortgeschrittener Typ II-Diabetes):
    • Altinsulin: schnell einsetzend, kurz anhaltend
    • Verzögerungsinsulin: langsam einsetzend, lang anhaltend (12-24 Std.)
    • Langzeitinsulin: spät einsetzend, lang anhaltend (>28 Std.)
Bei besonderen Belastungen (Fieber, Stress, Sport usw.) muss die Insulindosis angepasst werden.
Prognose Anhängig von den Komplikationen.

 

  Typ I
Typ II
Manifestation Meist vor dem 40. Lebensalter (Kinder, Jungendliche, junge Erwachsene) Meist im höheren Lebensalter (aber auch immer Jungendliche)
Ursache Absoluter Insulinmangel  (Zerstörung der B-Pankreaszellen): Vererbung, Autoimmunerkrankungen, Viren Relativer Insulinmangel (verminderte Insulinwirkung): Übergesicht, Schwangerschaft, Stress, Medikamente
Vererbung Wahrscheinlich Ja
Adipositas Selten oft
Beginn Rasch Langsam
Symptome Starke Polyurie/Durst, Ketoazidose
Übelkeit, Schwäche, Müdigkeit
Erheblicher Gewichtsverlust
Selten
Dann aber mehr  Makro-/Mikroangiopathien: Harnwegsinfekte, Sehstörungen, Schwäche, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Übergewicht
Insulinsekretion Vermindert bis fehlend Qualitativ gestört, erhöht
Stoffwechsellage Eher labil Eher stabil
Therapie Diät, Bewegung
Insulin
Diät, Bewegung, Gewichtsreduktion
Orale Antidiabetika

 

  Diabetischer Fuß
Ischämischer Fuß
Schmerzen Schmerzlos schmerzhaft
Haut Trocken Feuchtes Gangrän
Temperatur Warm Kalt
Fußpulse Tastbar Nicht tastbar

 

Merke
Eine Fettleber aufgrund von Diabetes mellitus verursacht keine Leberzirrhose!
Merke
  • Glucoseschwellenwert: 180-200 mg/dl, erst dann tritt vermehrt Glucose im Harn auf (Glucosurie
  • Harnparameter: Glucosurie, Proteinurie, Ketonkörper, erhöhtes spezifisches Gewicht, erniedrigter pH-Wert
Merke
Bei körperlicher Arbeit langt Glukose in die Muskelzellen, wodurch Diabetiker durch sportliche Betätigungen ihren Blutzuckerspiegel senken können.

Merke
Erst ab einer 80-90%igen Zerstörung der B-Zellen tritt ein bleibender Diabetes mellitus Typ I auf.
Merke
Alkohol senkt den Blutzuckerspiegel und kann zu einer Hypoglykämie führen.

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