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Hyperthyreose

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Hyperthyreose

Schilddrüsenüberfunktion: Überproduktion und vermehrte Sekretion von Schilddrüsenhormonen mit Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel (Hypermetabolismus).

Leitmerkmale: Struma, ungewollter Gewichtsverlust, erhöhte Schweißneigung, Tachykardie, feinschlägiger Tremor, Hyperaktivität
Einteilung
  • latente Hyperthyreose: TSH↑, T3/T4 normal
  • manifeste Hyperthyreose: T3/T4↑
  • thyreotoxische Krise:  lebensbedrohliche Erkrankung
Formen
  • immunogene Formen: diffuse Vergrößerung der Schilddrüse
  • nicht immunogen Formen:
    • ein oder mehrere Bereiche in der Schilddrüse produzieren gesteigert Hormone
    • ein/mehrere heiße Knoten nachweisbar
    • diese Teile unterliegen nicht mehr der Steuerung durch das TSH
Pathogenese Durch Erkrankung der Schilddrüse kommt es zu einer Erhöhung der Schilddrüsenhormone im Blut und damit  zu einer Steigerung des  Kohlenhydrat-/Protein- und Fettstoffwechsel.

Ursachen
  • Schilddrüsenautonomie (ungesteuerte Aktivität einzelner Areale, produzieren selbstständig Schilddrüsenhormone): Adenom durch Jodmangel, zu hohe Jodzufuhr
  • Schilddrüsenerkrankungen: M. Basedow (autoimmun), Schilddrüsenentzündungen, Schilddrüsenkarzinom (selten)
  • Alter: Pubertät, Schwangerschaft, Klimakterium (Häufung)
  • Medikamente: Überdosierung von Schilddrüsenhormone, Kontrastmittelgabe
  • Schilddrüsenhormonresistenz, Hypophysentumor
Symptome Struma (90% der Fälle); Exophthalmus (50% der Fälle; heraustretendes Auge mit unvollständigem Lidschluss):

  • psychisch: zunehmende Nervosität, Reizbarkeit, psychische Labilität (Stimmungsschwankungen), Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche
  • neurologisch: Reflexe erhöht, Tremor, motorische Unruhe (Hyperaktivität)
  • erhöhter Energieumsatz: Gewichtsabnahme bei gesteigertem Appetit (Heisshunger), Blutzuckeranstieg (Diabetes mellitus), vermehrter Durst
  • Wärmeintoleranz (subfebrile Temperaturen, Hitzegefühl), gesteigerte Schweißabsonderung (Hyperhidrosis), Hitzegefühl, Flush
  • enteral: Diarrhoe bzw. erhöhte Stuhlfrequenz, evtl. Fettleber
  • kardial: Hypertonie, Tachykardie, große Blutdruckamplitude, Rhythmusstörungen (Tachyarrhythmien, Vorhofflimmern), Herzinsuffizienzzeichen, Herzrasen
  • muskulär: Myopathie (rasche Ermüdbarkeit; v.a. Oberschenkelmuskulatur), feinschlägiger Fingertremor
  • Augen: Lidödeme, Tränenfluss, Entzündungen, seltener Lidschlag (Stellwag-Zeichen)
  • dermal: Haarausfall, brüchige Fingernägel, warme, weiche, feuchte Haut, überpigmentiert, Haare (fein, fallenleicht aus), evtl. prätibiales Myxödem
  • Zyklusstörungen, Menstruation verstärkt
  • Kalzium-/Phosphathaushalt: Osteoporose
Bei Schilddrüsenautonomie: meist asymptomatisch, evtl. leichte Hyperthyreosezeichen

Psychosomatik Auslösende Situationen:
  • Traumen: Todesfälle, Unfälle
  • Verlassenwerden von Angehörigen
  • Untreue des Ehepartners
Menschentyp:
  • versucht lebenslangen Kampf gegen seine Angst durchzustehen
  • vorzeitige Notwendigkeit autark/reif zu werden
  • Unfähigkeit Feindseligkeitsgefühle auszudrücken
  • Kampf gegen die Angst (Verleugnung, Unterdrückung)
  • Streben nach beruflichen Erfolg
  • unerhört arbeitsam
  • Bedürfnis Kinder zu gebären
  • häufiges Träumen vom Tod
Auswirkungen:
  • Psychosen (ständige Ängste)
Diagnose Anamnese: Klinik, Medikamente, Kontrastmitteluntersuchung
Körperliche Untersuchung: Fingertremor, Schwellungen (Schienbein), Struma, „Schwirren“ über Struma, Herzfrequenz hoch, Rhythmusunregelmäßigkeiten, große Blutdruckamplitude, Hypertonie (sekundär)
Labor: T3/T4↑, TSH ↓, Schilddrüsenantikörper (TRAK, anti-TPO-AK)
Apparative Diagnostik: Sonographie (Größe, Verdrängung), Szintigraphie (Knoten), Röntgen/ CT (Umgebung), Biopsie (Tumor?)

Differentialdiagnose
  • Stoffwechselerkrankungen: Schilddrüsenentzündungen, Diabetes mellitus
  • Psyche: Psychosen, Drogenmissbrauch
  • allgemein: Fieberzustände, vegetative Dystonie, Wechseljahre, Herzinsuffizienz, Tumoren, Phäochromozytom
Komplikationen Muskelschwäche, Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, Osteoporose, thyreotoxische Krise
Nach Operationen: Hypothyreose, Rekurrensparese nach Operationen

Therapie
  • Allgemeinmaßnahmen: Stress, Aufregung, Ärger vermeiden, nicht ans: Meer/Gebirge/heiße Gegenden, autogenes Training, Meditation, kühle Anwendungen (kalte Abwaschungen, Teilbäder, feucht-kühle Halswickel), mäßige Bewegung (Wandern), keine UV- Bäder
  • Ernährungstherapie: Kaffee, Tee, Alkohol, jodhaltige Nahrungsmittel meiden, Hormonquellen meiden (inklusive Fleisch), jodiertes Speisesalz kann die Symptome verstärken
  • Naturheilkundliche Therapie: Akupunktur, Ohrakupunktur, Aromatherapie, Bachblüten, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie, Schüssler Salze
  • Medikamentöse Therapie: Thyreostatika, Betarezeptorenblocker, Lithium, Natriumperchlorat, Carbimazol, Thiamazol
  • Operative Therapie: Schilddrüsenentfernung (Thyreoidektomie, Strumaresektion), Radiojodtherapie
Prognose Rezidive.

Sonderform:
Thyreotoxische Krise
Plötzlicher extremer Anstieg der Schilddrüsenhormone (z.B. durch Kontrastmittel, Sepsis), Letalität: 30-50 %.

  • Ursache: Hyperthyreose bei Infekten, Trauma, Operationen, Schwangerschaft, plötzliches Absetzen des antithyreoidalen Therapie, Radiojodtherapie, Kontrastmittelgabe
  • Symptome: hochgradige Tachykardie (Tachyarrhythmie), Hypertonie, hohes Fieber, Durchfall, Erbrechen, Schwitzen, Muskelschwäche, Erregung bis Koma, Unruhe, Verwirrtheit, Tremor
  • Differentialdiagnose: Koma diabeticum, hypoglykämischer Schock, Myasthenie, Lungenembolie, Alkoholdelir, Phäochromozytom, Addison-Krise, Intoxikationen, Psychosen
  • Komplikationen: zunehmende Bewusstseinsstörungen bis Koma, Kreislaufversagen
  • Therapie: NOTFALL: bei Verdacht: Notarzt

 

Symptome Hyperthyreose
Hypothyreose
Haut Feucht, warm, rot, weich, dünn Trocken, kühl, blass, teigig, schuppig, verdickt
Nägel Normal Brüchig
Wärme/Kälte Wärmeempfindlich Kälteempfindlich
Blutdruck/Herz Hypertonie, Tachykardie, Herzrhythmusstörungen Hypotonie, Bradykardie
Nervensystem Tremor, Schlafstörungen, nervös, reizbar Müdigkeit, Depression, antriebslos, Leistungsabfall
Reflexe Erhöht Verlangsamt 
Reaktion Normal bis überschießend, leicht irritierbar Verlangsamt, gleichmäßig
Stuhl Durchfälle Obstipation
Gewicht Abnahme (trotz gesteigerten Appetit/Heisshunger) Zunahme (trotz teilweiser Appetitlosigkeit)
Muskulatur Fingertremor Muskelschwäche
Schweiß Ja Nein
Ödeme Lidödeme Myxödem
Stimme/Sprache Normal, hastig, Tremor Heiser, langsam, behäbig 
Menstruation Normal bis Oligomenorrhoe Menorrhagien

 

Notfall

Thyreotoxische Krise:

  • Anruf: Notarzt
  • Allgemeinmaßnahmen: Patienten beruhigen, beengte Kleidung entfernen, Patient zudecken
  • Lagerung: erhöhter Oberkörper
  • Vitalzeichenkontrolle: engmaschig
  • Reanimation: wenn nötig
  • Zusatzmaßnahmen: Sauerstoffgabe, i.v.- Zugang, evtl. Schockbehandlung
Merke
Eine Hyperthyreose zeigt keine Kälteintoleranz und keine Inappetenz !

Merke
Bei Vorhofflimmern immer an eine Hyperthyreose denken.
Cave
Die thyreotoxische Krise ist ein Notfall, der häufig im Koma bzw. tödlich endet (30-50%)! Plötzlicher Anstieg der Schilddrüsenhormone mit Herzrhythmusstörungen, extremer Tachykardie, Hypertonie, Fieber, Erbrechen, Durchfall, Tremor.
Cave
Bei älteren Patienten kann eine Hyperthyreose symptomlos verlaufen, nur Gewichtsverlust, Schwäche, Herzrhythmusstörungen als Zeichen.
Cave
Thyreostatika wirken etwas verspätet, da bereits im Blut vorhandene Schilddrüsenhormone nicht beeinflusst werden und somit erst abgebaut werden müssen.

gg